Willkommen Gast. Bitte einloggen oder registrieren.
Haben Sie Ihre Aktivierungs E-Mail übersehen?
Bitte beachten: Falls Sie bereits einen Eintrag bei Zahnlabor.de haben, können Sie Sich im Forum mit Ihren bereits bekannten Logindaten einloggen.
17.Februar 2019, 18:46:20
Übersicht Hilfe Suche Einloggen Registrieren

+  Zahnlabor.de Forum
|-+  Allgemeines
| |-+  Stammtisch
| | |-+  Bisschen Geschichte schadet nie!!
« vorheriges nächstes »
Seiten: [1] Nach unten Drucken
Autor Thema: Bisschen Geschichte schadet nie!! (Gelesen 9347 mal)
Zahnfee
Foren Junior
**
Offline Offline

Beiträge: 61


Profil anzeigen
« am: 18.September 2005, 12:18:57 »

Der Mensch und seine Zähne 

(Das kleine Wort zum Sonntag für interessierte und andere Leser)

Zahnpflege, bewusste Mundhygiene betreiben.....wer weiss schon wie es angefangen hat? Seit wann putzt Mensch sich die Zähne und interessiert sich für ihre Gesundheit? Wenn man sich näher mit dem Thema beschäftigt kommt man schier nicht umhin, hier und dort ein erschrecktes "oh mein Gott!" auszustoßen! Der Berufszweig der modernen Zahnheilkunde ist nämlich ein vergleichsweiser sehr junger, ja möchte fast sagen ein "sich noch in den Kinderschuhen befindlicher".

Was wir in groben Zügen wissen:

Funde von Tontafeln und Papyrusrollen der ersten Hochkulturen belegen dass die Menschheit seit Anbeginn der Zeit eine Geisel ihrer Zähne war. Bereits um 1800 v. Chr. wurden von den Babyloniern erste schriftliche Theorien über die Entstehung von Karies festgehalten. Auf den Tontafeln ist heute zu lesen, dass die Schuld an den Schmerzen „ein in Schlamm geborener Wurm“ trägt. Hungrig soll er den Gott der Gewässer, Poseidon, nach etwas Essbarem angefleht und sich den Platz zwischen Zähnen und Zahnfleisch als Quartier ausgesucht haben.
So begann die nahezu 4000 Jahre überdauernde Legende vom blutsaugenden Zahnwurm, an den ein Großteil der Zahnweh-Geplagten Menschheit bis ins 18. Jahrhundert glaubten!
Dabei hatte schon Hippokrates (Begründer der Medizin als Wissenschaft 460-370 v.Chr.) erkannt, dass Zahnschmerz durch Zahnpflege vermeidbar ist. So schrieb der große griechische Arzt der Antike um 400 v. Chr.:
“Die Karies wird nicht durch einen Wurm verursacht, sondern es spielen andere Dinge eine Rolle.” Und er empfahl, Zähne und Zahnfleisch täglich zu reinigen.
Im antiken Mesopotamien säuberte man die Zähne mit einer Mischung aus Baumrinde, Minze und Alaun während im alten Indien eine Mischung aus Berberitzen- und Pfefferextrakt gebräuchlich waren und die Ägypter Grünspan, Weihrauch und eine Paste aus Süßbier und Krokus zur Zahnpflege verwendeten.
Lediglich Zahnstocher aus Holz, Federkiel oder anderen Materialien waren in allen Kulturen bekannt.
Was während dem Beginn des Mittelalter in Europa unbekannt war, findet man um das Jahr 600 in den arabischen Ländern offenbar in massenhafter Verbreitung:
„Ihr sollt euren Mund reinigen, denn dies ist der Weg für die Lobpreisung Gottes."
Verkündete der Prophet Mohammed und war vermutlich der erste Mensch, der sich öffentlich für eine Pflege der Zähne einsetzte. Die Araber erkannten früh den Zusammenhang zwischen regelmäßigem Zähneputzen und gesunden Zähnen: Das allgemeine Zahnreinigungsgerät war der sogenannte „Siwak“, ein pinselartig aufgefächertes Stäbchen aus dem Holz des Arak-Baumes, auch Zahnbürstenbaum genannt, und ist – bis heute – weit verbreitet.
In Europa interessierten die Erkenntnisse der Araber indes kaum. Hier ging die Zahnhygiene andere Wege. Ein Volksglaube besagt dass ausgefallene Zähne nachwachsen, wenn man den Kiefer mit Hasenhirn bestreicht. Am besten rückt man den Zahnwürmern mit einem Haschee aus gerösteten Hasenkopf und kleingehackten weiblichen Schamhaaren zu Leibe.....
Später verleugnete die heilige römische Kirche die Existenz des Wurms und lehrte ihren Gläubigen folgendes: „Derjenige, der zum Gedächtnis der heiligen Märtyrerin und Jungfrau Apollonia betet, wird an jenem Tag nicht von Zahnschmerz befallen.“ Und so trat im 12/13.Jahrhundert die Heilige Apollonia ihren Siegeszug als Schutzheilige der Zahnleiden an. Falls alles Beten nicht half suchten die ganz armen der Bevölkerung die von der Kirche zu tiefst verachteten Kräuterweibe auf. Diese verabreichten Kräutertinkturen, nach deren Anwendung man umgehend den Zahn einer Leiche zu berühren hatte. Das war auch damals nicht jedermanns Sache und so bemühte die Mystikerin Hildegard von Bingen wieder den altbekannten Zahnwurm als Ursache der Zahnschmerzen. Bis weit ins 18. Jahrhundert verlief der menschliche Kampf gegen den Zahnwurm weitgehend erfolglos, vor allem die Damen und Herren der oberen Klassen wurden von den Folgen fehlender Mundhygiene geplagt. Während das einfache Volk auf Schwarzbrot, Kartoffeln und Äpfeln kaute und dazu Wasser oder Bier trank, schwelgten die privilegierten Bevölkerungsteile in immer ausgesuchteren Süßspeisen.
Lord Chesterfield schrieb im Jahre 1774:
„Ein ungepflegter Mund hat üble Konsequenzen für den Besitzer, denn einmal fördert er die Zahnfäule ebenso wie unerträgliche Zahnschmerzen, und zum anderen ist er eine Beleidigung für die Umwelt, denn unweigerlich wird er stinken."
Weiter wissen wir von Chesterfield, dass vor allem in den zuckerverwöhnten Mündern der Damen und Herren von Adel, Rang und Namen allerlei Mikroorganismen ihr zerstörerisches Werk verrichteten. Unterstrichen werden seine Worte auch vom Mediziner Thomas Einfeldt der die Aufzeichnungen des Leibarztes von Ludwig XIV studierte. Diese Aufzeichnungen besagen nach derzeitiger Auffassung, dass Aristokraten erblich bedingt schlechte Zähne hätten.
„Dem armen Ludwig hat man schon im jugendlichen Alter sämtliche Zähne gezogen. In der Regel faulen die Zähne der Herrschaften von Jugend an einfach vor sich hin. Würde man nicht großzügig Zibet, Moschus, Ambra und andere starke Essenzen versprühen, so wäre es in einem Raum mit vielen Menschen nicht lange auszuhalten."
In den Mündern Europas faulten die Zähne also vor sich hin. Und sie schmerzten! Dem Gepeinigten blieben zwei Möglichkeiten: Entweder ließ er den Schmerz gewähren, oder er hatte Geld und suchte einen Barbier oder Schmied auf, denn gelernte Zahnärzte gibt es erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Entschiedet er sich für Letzteres, wurde er auf einem Stuhl festgebunden, dann fiel der „Fachmann“ mit diversen Zangen über ihn her. Und nur die Wenigsten konnten sich hierbei eine Betäubung mit Haschischrauch, Opium oder Bilsenkraut leisten. Zu den alltäglichen Folgen unfachmännischer Behandlung zählten ausgerenkte und verletzte Kiefer, Gehirnerschütterungen, durch Abgleiten der Zangen verursachte Augenschäden. Darauf folgten nicht selten Fieber, eitrige Geschwüre, starke Blutungen, – manchmal der Tod. Angesichts solcher Aussichten verwundert es kaum, dass viele Patienten lieber auf Salben, Pülverchen und Wässerchen fliegender Händler vertrauten.
Erschreckend finde ich, dass der älteste Fund einer Zahnbürste auf das  15.Jahrhundert datiert wird. Das Gute Stück wurde in China ausgebuddelt und liegt noch einigermaßen erhalten im Landesmuseum. Im Gegensatz zur restlichen Welt eroberte die Zahnbürste allerdings nur Mühsam die deutschen Lande. Die ersten Bürsten heimischer Produktion entstanden wohl erst im 18. Jahrhundert und wurden aus Schweineborsten und Knochen in Handarbeit hergestellt. Die damals ausschließlich verwendeten Naturborsten mit ihren feinen Markkanälchen boten allerdings ideale Schlupfmöglichkeiten für Bakterien. Auch waren die Haare insgesamt zu weich, um eine für heutige Maßstäbe ausreichende Reinigung zu erzielen.
Diese Bürsten blieben aber nur den Reichen vorbehalten und bis spät ins 19. Jahrhundert hinein wurde der Zahnhygiene in unseren Breiten kaum Bedeutung beigemessen. Unter der gemeinen Bevölkerung war die Zahnbürste so gut wie unbekannt!
Mitte des 19. Jahrhunderts machte die zahnmedizinische Entwicklung deutliche Fortschritte. Der Dresdner Unternehmer Karl August Lingner entwickelte ein Mundwasser, und der Apotheker Dr. Ottomar Heinsius von Meyenburg stellte aus Naturkalkstein, ätherischen Ölen und sauerstoffhaltigen Salzen die „Zahnreinigungspaste Chlorodont“ zusammen. Als 1911 die von Lingner initiierte 1. Internationale Hygieneausstellung in Dresden fünf Millionen Besucher anzog, war der Weg frei: Zahnpflegemittel wurden zum Marken- und Massenartikel.
Erst mit Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich das Zähneputzen also so  langsam durch. Gleichzeitig wurden die fabrikmäßig hergestellten Zahnbürsten für fast jedermann bezahlbar.
Kaum zu glauben: Bis heute besitzen in Europa nur 89% der Bevölkerung eine Zahnbürste!!!
« Letzte Änderung: 18.September 2005, 12:33:45 von Zahnfee » Gespeichert
Thomas
Administrator
Foren Senior
*****
Offline Offline

Geschlecht: Männlich
Beiträge: 343


Profil anzeigen WWW
« Antworten #1 am: 18.September 2005, 14:11:18 »

Hi Zahnfee,

vielen Dank für diesen informativen Beitrag!

Würde gerne mehr davon lesen  Wink

Gruß,
Thomas
Gespeichert
Zahnfee
Foren Junior
**
Offline Offline

Beiträge: 61


Profil anzeigen
« Antworten #2 am: 24.Januar 2006, 20:00:43 »

Horcht, horcht! Die Archäologin Andrea Naica-Loebell schreibt:

Zahnlose Pharaonen

Verfault und runtergekaut: Zahnpflege war im historischen Ägypten unbekannt. Der wahre Fluch der Pharaonen waren ihre Zähne. Viele Krankheiten konnten im alten Ägypten kuriert werden, das Land am Nil brachte gute Ärzte hervor. Aber Zahnärzte waren Mangelware, und selbst die Herrscher litten unter entsetzlichen Zahnschmerzen. Das bestätigt eine neue Studie einer britischen Ägyptologin.

Viele Kolossalstatuen verherrlichen bis heute das Bild des Pharao Amenophis III (oder Amenhotep), genannt der Prächtige. Er führte keine Kriege, mehrte aber den Wohlstand Ägyptens durch kluge Politik. Seine fast vierzigjährige Regierungszeit um 1350 vor Christus wird das goldene Zeitalter genannt.

Für Judith Miller von der University of Manchester sind aber vor allem seine fürchterlichen Zahnstummel von Interesse, wie das Wissenschaftsjournal New Scientist in seiner aktuellen Ausgabe berichtet. Die Zahnärztin und forensische Ägyptologin hat sich den Zustand von Kiefer und Zähnen der Mumie von Amenophis im Röntgenlicht angesehen und sie ist überzeugt, dass der prächtige Pharao die letzten Jahre vor seinem Tod Höllenqualen gelitten haben muss. Jeder Mundvoll Essen purer Schmerz – als er im Alter von 50 Jahren starb, war sein Lächeln bereits zahnlos, selbst die Schneidezähne fehlten.

Und er war nicht der einzige, auch der legendäre Ramses II hatte spektakulär schlechte Zähne, wie Untersuchungen ergaben. Parodontose hatte sich bei ihm bis zu den Knochen durchgefressen, ein massiver Abszess saß auf seinem Unterkiefer und die verbliebenen Zähne waren so abgekaut, dass nur noch kleine Kegel standen.

Zahnheilkunde war den alten Ägyptern offensichtlich unbekannt, sonst hätte sie ihre göttlichen Herrscher nicht derartig leiden lassen. Das konnte Miller jetzt in einer breit angelegten Untersuchung nachweisen. Sie untersuchte systematisch mehr als 500 altägyptische Schädel und Kiefer der Duckworth Osteological Collection der Universität Cambridge und des Naturhistorischen Museums in London. Darunter waren sowohl Erwachsene als auch Kinder aus der Zeitspanne der prädynastischen Epoche vor 6000 Jahren bis zur römischen Besatzungszeit 4000 Jahre später. Die Ergebnisse der Studie schockierten die Ägyptologin: "Darunter waren weit mehr Leute mit sehr schlechten Zähnen als erwartet. Ihre Zahnerkrankungen waren viel schwerwiegender, als es ihre Lebensumstände vermuten ließen."

Brot und Karies
Vor allem das Kauen der Speisen sorgte für enormen Abrieb. Die Ägypter aßen jede Menge Brot, es gab vierzig gängige Sorten im Angebot und gebacken wurde es aus der Urweizenart Emmer (Triticum dicoccum). Beim Mahlen ließen die Müller nicht immer die nötige Sorgfalt walten, was da hinterher zwischen den Zähnen knirschte, war nicht nur Schrot und Korn, sondern auch mal ein vom Mühlstein abgeriebener Kiesel, oder ein ins Mehl gewehtes Sandkorn. Das grobe Vollkornbrot mit seinen steinigen Einlagen ließ den Zahnschmelz und das Zahnbein beim Kauen schnell schwinden – solange, bis nur die empfindliche Pulpa offen lag (Zahnaufbau).

Parodontose war weit verbreitet, Abszesse quälten die Menschen und selbst das Ziehen von Zähnen scheint den Ägyptern unbekannt gewesen zu sein. Zahnpflege gab es wahrscheinlich nicht, nur das Kauen von Vorläufern des Kaugummis aus Zutaten wie Myrrhe oder Weihrauch sollte dem üblen Mundgeruch entgegenwirken (Schon Pharaonen kauten Kaugummi).

Als wäre das alles noch nicht schlimm genug gewesen, mehrten sich die Fälle von Karies) auch noch mit der Zeit. In der prädynastischen Zeit hatten nur 16 Prozent der Altägypter Löcher in den Zähnen, während der Blütezeit des Neuen Reiches (1567 bis 1085 v.Chr.) bereits 25 Prozent und während der griechisch-römischen Periode sogar 34 Prozent. Auch das breite Volk fand zunehmend Gefallen an Süßigkeiten – und putzte sich nach den kleinen Zwischenmahlzeiten nicht die Zähne.

Was die mechanische Abnutzung der Gebisse angeht, so verbesserte sich die Situation ab der ptolemäischen Zeit, ab 323 v. Chr. Der Geschmack änderte sich: Die Griechen wollten Weißbrot und in dem feinen weißen Mehl tolerierten die Bäcker jetzt keine Steinchen mehr. Die Ägypter veränderten ihre Essgewohnheiten.

Warum die alten Ägypter keine Zahnheilkunde entwickelten, ist unbekannt. In den Gräbern fanden die Archäologen insgesamt sieben Mal die Bezeichnung Zahnarzt, nach den neuen Erkenntnissen muss aber davon ausgegangen werden, dass es sich wahrscheinlich um die Art von Experten handelte, die einen Trank oder einen Zauberspruch gegen Zahnschmerz bieten könnten, aber die Kunst der Extraktion nicht beherrschten. Auch die einst in einem Grab in Gizeh entdeckte "Brücke" – zwei mit einem feinen Golddraht zusammen gebundene Backenzähne – halten die Ägyptologen inzwischen nicht mehr für eine frühe Zahnprothetik, sondern schlicht ein Amulett.
Gespeichert
Seiten: [1] Nach oben Drucken
« vorheriges nächstes »
Gehe zu:


Einloggen mit Benutzername, Passwort und Sitzungslänge

  Powered by SMF | SMF © 2006, Simple Machines